
Toxische Positivität. Wie positives Denken schadet.
"Es gibt Schlimmeres auf der Welt." "Das geht vorbei." Oder aber auch: "Denk doch mal positiv." All dies sind gutgemeinte Ratschläge, die in unserem Sprachgebrauch regelmäßig Anwendung finden. Es geht sogar weiter. Die Menschen, die täglich lächelnd ins Büro kommen und alles positiv sehen, werden am meisten bewundert. Wir denken, sie seien innerlich stark. Warum das überhaupt nicht stimmt und dir diese Einstellung sogar schaden kann, darauf werfen wir heute einen kurzen Blick. Und ich zeige dir, wie du es besser machen kannst.
Transkription
Du hörst Mindful Minutes mit mir,
Daniela Barchasch,
Der Gründerin von Evakuera Coaching und des Mindful Members Clubs.
Jede Woche spreche ich mit dir darüber,
Wie du dein Leben grundlegend bewusster positiv gestalten kannst,
Auch wenn die Umstände und Vorbedingungen nicht unbedingt so prickelnd sind.
Und das Ganze machen wir auf der Basis von Persönlichkeitsentwicklung durch Meditation und Achtsamkeit und der buddhistischen Psychologie.
Wie kannst du also ein glückliches Leben leben?
Denn das ist meiner Meinung nach überhaupt kein Zufall.
Und du kannst das auch und ich bin hier,
Um dir das zu zeigen.
Toxische Positivität,
Hast du davon schon einmal gehört?
Wahrscheinlich nicht,
Aber es ist etwas,
Was viele von uns regelmäßig machen.
Und in letzter Zeit drehen sich so viele Gespräche mit Klienten,
Die ich habe oder jetzt gerade auch,
Ich komme gerade aus dem wundervollen Sampurna Retreat,
Zeit der Stille und viele Gespräche ranken sich immer wieder darüber,
Oder darum,
Nicht darüber,
Dass wir doch mehr positiver denken sollten und mehr positiver sein sollten.
Und das ist auch etwas,
Was ich gar nicht zurückweise und was ich total okay finde,
Dass wir weniger den negativen Gedanken und negativen Gefühlen folgen,
Sondern uns auf das Positive einlassen,
Den Fokus auf Dankbarkeit haben,
Mehr Fülle im Leben dadurch spüren und zufriedener sind.
Doch die allermeisten gehen das absolut falsch an und hiermit hat toxische Positivität etwas zu tun.
Das heißt,
Ich fokussiere mich krampfhaft auf etwas Positives,
Weil ich das Negative nicht spüren möchte.
Es gibt einige Menschen in unserer Gesellschaft,
Die haben das als Strategie.
Das sind Menschen,
Die nach außen wunderbar glänzen und die in jeden Raum reingehen und strahlen und von denen wir alle denken,
Oh,
Da möchten wir mehr von haben.
Die sowas sagen wie,
Ja,
Nee,
Krank werde ich nicht,
Weil ja alles aus meinem Inneren herauskommt und ich denke einfach immer positiv.
Das sind Menschen,
Die wir zum einen sehr bewundern,
Aber es sind Menschen mit Verhaltensweisen,
Die diese Verhaltensweisen haben,
Weil es in ihnen Überlebensstrategien waren.
Denn was dadurch passiert ist,
Dass wir uns,
Indem wir uns auf das Positive krampfhaft versteifen,
Dass wir alles Negative in unserem Leben zur Seite schieben und nicht spüren.
Das heißt negative Gedanken zum einen,
Zum anderen aber auch negative Emotionen.
Und das ist der große Knackpunkt,
Denn wenn wir uns mit unseren negativen Emotionen nicht auseinandersetzen,
Können wir auch die Positiven nicht richtig spüren.
Wenn wir uns mit unseren negativen Emotionen nicht auseinandersetzen,
Dann speichern wir die irgendwo im Körper und irgendwann lösen diese große Probleme bei uns aus.
Zum Beispiel ich habe eine innere Verletzung,
Weil ich in meiner Kindheit,
Wie in meiner Familie geschehen,
Verlassen worden bin.
Diese negative Erfahrung verbunden mit der Verletzung ist etwas,
Was ich natürlich ganz lange nicht spüren wollte.
Das heißt,
Ich habe mich schön abgelenkt in meinem Leben.
Sie kam aber immer wieder nach oben und hat mich teilweise sehr betäubt.
So,
Was jetzt passieren könnte ist,
Das war nicht mein Ding,
Aber für andere ist es eben das ihre Art Schutzstrategie,
Dass wir einfach sagen,
Oh ich will das gar nicht spüren,
Sondern ich möchte mich nur auf die positiven Dinge in meinem Leben konzentrieren.
Ich suche mir alles raus,
Was schön ist.
Und das hat dann den Nachteil,
Dass diese Verletzung zwar in dem Moment überdeckt worden ist,
Also da ist ein Pflaster drauf,
Aber sie heilt nicht.
Sie macht sich immer wieder bemerkbar.
Sie kann nur dann heilen,
Wenn ich mich damit auseinandersetze,
Wenn ich in den Schmerz hineingehe und ihn zulasse.
Das kann ich nicht,
Wenn ich mich einfach immer wieder auf das Positive konzentriere und denke,
Naja,
Morgen wird wieder ein besserer Tag,
Naja,
Okay,
Ich darf halt nicht immer in diese negative Spirale abdriften.
Ich muss wirklich jetzt mal an das Schöne im Leben denken.
Ich lenke mich sozusagen damit ab.
Dann kann all das,
Was in uns drin ist,
Nicht heilen,
Sondern es wird im Körper gespeichert.
Und es ist schön und gut,
Dass wir in bestimmten Momenten sagen,
Das kann ich gerade nicht tragen,
Ich möchte mich auf das Positive ausrichten in meinem Leben.
Das ist eine schöne Strategie,
Die ganz oft auch Raum finden darf.
Doch daneben müssen wir uns mit dem in unserem Leben auseinandersetzen,
Was nicht gut läuft.
Bei uns war es so,
Zum Beispiel,
Das war ein Gespräch,
Was ich im Retreat hatte,
Dass als meine kleine Tochter operiert worden ist,
Mit zehn Wochen,
Was lange Zeit hieß,
Also die ersten zehn Wochen davor,
Naja,
Wenn sie dann diese eine große OP hatte,
Neben kleineren OPs,
Dass es ihr dann gut gehen wird,
Dann werden wir nach Hause kommen.
Dann gab es allerdings den Vorfall,
Dass Clara nicht mehr von alleine geatmet hat,
Nach dieser großen OP.
Was nämlich passiert ist,
Ist,
Dass wir die Luftröhre von der Speiseröhre getrennt hatten,
Die vorher miteinander verbacken war.
Das heißt,
Die Speiseröhre war dann frei,
Was gut so war,
Aber die Luftröhre hatte keinerlei Stabilität mehr,
Sprich,
Sie ist immer wieder kollabiert.
Und das hat zu massiven Atemproblemen geführt,
Bis hin zu,
Dass sie keine Luft mehr bekommen hat,
Auch zu Hause nicht,
Dass wir sie wiederbeleben mussten.
Und das war eine Zeit,
In der mein Mann und ich wahnsinnig aneinandergerasselt sind,
Weil mein Mann so sehr den Fokus darauf hatte,
Den bringt er mit aus seiner Familie,
Nein,
Wir müssen immer positiv denken.
Alles andere ist in seiner Familie jammern.
Das ist nicht an das positive Glauben,
Keine Hoffnung mehr haben.
Und für mich war das in diesem Moment,
Die zehn Wochen lang wirklich immer wieder sich vorangetrieben hat,
Immer wieder positiv gedacht hat,
An so vielen Tiefpunkten waren wir.
Und ich mir gesagt habe,
Es kommen einfach bessere Zeiten,
Zum Beispiel sie kommt nach Hause.
Wenn ich abends alleine hier zu Hause war,
Es war die Hölle für mich,
Das war absolut der Albtraum.
Ich hatte das Gefühl,
Mein Kind ist mir weggerissen worden.
Ich habe mich über Wochen positiv in eine Stimmung geredet,
Das wird alles gut werden.
Und dann kamen wir an den Punkt,
An dem sie nicht mehr von alleine geatmet hat,
Aber sie hat sich auch nicht gut beatmen lassen.
Und wir mussten gucken,
Okay,
Wir müssen die Geräte ausschalten,
Also sie muss extubiert werden,
Was passiert dann?
Und für mich war das ein absoluter innerer Zusammenbruch,
Weil ich wusste,
Es liegt nicht in unserer Hand,
Positives Denken am Arsch funktioniert jetzt nicht mehr.
Da sind mein Mann und ich ziemlich aneinander,
Weil er diese positive Stimmung haben wollte.
Und für mich war das so,
Ich musste diesen Schmerz jetzt aushalten.
In der Außensicht war mein Mann der Starke,
Weil er sich eben mit den Emotionen so auseinandergesetzt hat,
Dass er sie gut tragen konnte.
In der Innenansicht hat er sie zur Seite geschoben und sich nicht damit auseinandergesetzt,
Was auch wiederum andere Probleme erzeugt hat.
Und das ist toxische Positivität.
Wenn ich mich nicht mit dem auseinandersetze,
Was gerade passiert,
Was gerade da ist,
Und wenn ein negativer Anteil,
Ein unangenehmer Anteil da ist,
Dann müssen wir dem in unserem Leben einen Raum geben.
Du wirst in deinem eigenen Leben genug Menschen haben,
Die toxische Positivität vertreten.
Denn es ist ja sehr alltagstauglich.
Du wirst in dir aber auch Ansichten finden,
Die mit der toxischen Positivität in Verbindung gebracht werden können.
Was ich dir mitgeben möchte,
Ist,
Dass du dem unangenehmen Raum gibst.
Denn das bedeutet,
In den Widerstand hineinzugehen und den nicht einfach wegzureden.
Und für die Leute,
Die im Retreat fahren,
Eine kleine Erinnerung,
Dass die Kombination aus in den Widerstand gehen,
Widerstand spüren,
Erdung,
Das heißt eine Sicherheit finden,
Also Widerstand auf der einen Seite,
Erdung auf der anderen Seite,
Dass diese Kombination inneres Wachstum bedeutet.
Sprich,
Wenn ich toxische Positivität lebe,
Ist das Stillstand für mich.
Und Stillstand bedeutet immer irgendwo Krankheit,
Die daraus entsteht.
Also,
Vielen Dank,
Dass du mir heute zugehört hast.
Und was ich möchte ist,
Dass du in deinem Leben mal schaust,
Wo du nicht wagst,
In den Widerstand hineinzugehen und das Ganze mit dieser toxischen Positivität überdeckst.
Bis zum nächsten Mal.
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