
Einschlafmärchen & Abendmeditation: Der graue Mann (Island)
Nach einer meditativen Entspannungs-Sequenz zur Verabschiedung des Tages erzähle ich Dir das Märchen "Der Graus Mann", ein Volksmärchen aus Island. Du darfst jederzeit einschlafen, denn Du kannst sicher sein, dass es gut ausgehen wird. Ich wünsche Dir eine gute Nacht und schöne Träume!
Transkription
Der Graue Mann,
Ein Volksmärchen aus Island,
Mit einer meditativen Abendentspannung zur feierlichen Verabschiedung des Tages.
Setze dich für die Meditation noch einmal aufrecht in dein Bett,
Der Rücken gerade,
Die Schultern ganz locker.
Finde für deine Hände einen Platz auf deinen Oberschenkeln und lasse die Augen noch geöffnet,
Sodass du dich in dem Raum,
In dem du dich befindest,
Noch einmal ganz bewusst umblicken kannst.
Wenn es schon zu dunkel ist,
Dann fühle dich um,
Erfasse den Raum um dich herum,
Dein Hier,
Dein Jetzt,
Diesen einzigartigen Moment an diesem einzigartigen Tag,
Dann senke deinen Blick,
Kannst deine Augen auch schließen und spüre dich,
Wie du dort sitzt,
Hier und jetzt,
Widme die nächste Minute der Rückblende und Reflexion des heutigen Tages.
Welche Bilder,
Gedanken und Gefühle kommen dir jetzt mit etwas Abstand in den Sinn?
Sammle nun in Gedanken drei Dinge zusammen,
Für die du heute besonders dankbar bist,
Dann lege deine Hände flach aufeinander auf dein Herz und fühle dort hinein,
Spüre deinen Atem,
Deinen Herzschlag,
Spüre dich,
Schicke einen Impuls der Dankbarkeit zu deinem Herz,
Zu deinem ganzen Körper,
Dankbar dafür,
Dass dein Körper dich durch dein Leben trägt,
Damit du Teil des Ganzen sein kannst.
Vertiefe deinen Atem und bevor du dich gleich hinlegst,
Recke und strecke dich doch noch mal ganz sanft und wenn du möchtest,
Dann kannst du beim Ausatmen auch laut seufzen,
Vielleicht überkommt dich auch ein Gähnen und komme dann zum Liegen,
Bette deinen Körper ganz feierlich,
Nimm dir deinen Platz,
Mach's dir gemütlich,
Kuschel dich ein und schließe,
Wenn du es nicht schon getan hast,
Deine Augen,
Es gibt nur nichts mehr zu tun,
Als zu entspannen und mehr und mehr zur Ruhe zu kommen,
Ganz nebenbei,
Bei dir selbst,
Anzukommen,
Der Tag ist vorbei,
Die Nacht beginnt und du darfst ruhen,
Morgen ist wieder ein neuer Tag,
Vielleicht mit neuen Abenteuern,
Ein Tag,
Dem du morgen ausgeschlafen,
Zufrieden und gelassen begegnen kannst und vielleicht merkst du schon,
Wie du immer schwerer und gemütlicher in die Kissen sinkst,
Immer schläfriger wirst,
Geborgen und mit jedem Atemzug entspannter,
Du darfst loslassen,
Stell dir vor,
Du gehst gleich auf eine wunderbare Reise,
Weit weg in ein fernes Land,
In eine andere Zeit und dort darfst du beobachten,
So als wärst du selbst unsichtbar,
Was vor sich geht,
Darfst die Geschichte belauschen,
Darfst teilnehmen,
Es waren einmal ein König und eine Königin in ihrem Königreich und ein alter Mann mit seinem alten Weib in ihrer schlechten Hütte,
Der König war sehr reich an allen Gattungen von Vieh,
Hatte jedoch nur ein einziges Kind und dies war eine Tochter,
Der alte Mann war sehr arm,
Er hatte keine Kinder und lebte mit seinem Weib von nur einer einzigen Kuh,
Welche sie besaßen.
Einmal ging der alte Mann wie öfter in die Kirche,
Da predigte der Priester gerade von Freigiebigkeit und ihren Verheißungen.
Als der Mann aus der Kirche zurückkam,
Fragte ihn sein Weib,
Was er diesmal Gutes aus der Predigt mitgebracht habe.
Der Alte war sehr guter Laune und sagte,
Dass es heute ein wahres Vergnügen gewesen sei,
Dem Priester zuzuhören,
Denn der Priester habe gesagt,
Dass es demjenigen,
Welcher etwas gebe,
Tausendfach wieder vergolten werde.
Das Weib dachte sich,
Dass dies wohl nicht so genau zu nehmen sei und meinte,
Ihr Mann habe die Worte des Priesters nicht richtig verstanden und so stritten sie darüber wohl eine Stunde lang,
Ohne dass der eine Teil dem anderen nachgeben wollte.
Am nächsten Tage machte sich der Alte auf,
Berief eine Menge Arbeitsleute und ließ einen Stall bauen für tausend Kühe.
Das Weib war ganz erbost über seine Dummheit,
Wie sie es nannte.
Allein,
Sie konnte ihn doch von seinem Unternehmen nicht abbringen.
Als der Stall fertig war,
Dachte der Alte nach,
Wem er seine Kuh geben könne.
Er kannte jedoch niemand,
Der so reich war,
Dass er ihm hätte tausend Kühe für eine geben können,
Nur den König selbst ausgenommen.
Zu diesem konnte er doch nicht ohne weiteres gehen,
Das sah er wohl ein.
So beschloss er denn endlich,
Zum Priester zu gehen.
Er wusste,
Dass derselbe am Boden der Kiste Geld hatte und dann musste er doch der Letzte sein,
Der seine eigenen Worte zu Schanden machte.
So machte sich denn der arme Mann mit seiner Kuh auf den Weg,
So sehr auch sein Weib dagegen protestierte.
Er kam zu dem Geistlichen und bat ihn,
Dass er doch so gut sein möge,
Das kleine Geschenk,
Das er da mitgebracht habe,
Anzunehmen.
Der Geistliche machte große Augen und er suchte dem Mann,
Dass er sich doch etwas genauer erklären möchte.
Da erfuhr er nun,
Was der Andere für sein Geschenk von ihm erwartet hatte.
Nun machte der Geistliche freilich ganz andere Augen und er schallt den Alten tüchtig aus,
Dass er nicht besser auf die Predigt achtgegeben habe und jetzt mit solchen Wortklaubereien daherkomme.
Sei jetzt so gut und schau,
Dass du mit deiner Kuh wieder weiterkommst,
Lieber Mann,
Und zwar recht bald,
Sagte der Geistliche in strengem Tone.
So machte sich denn der Häusler mit seiner Kuh wieder auf den Heimweg und war gar unzufrieden mit seinem Gange.
Wie er so ganz verdrossen dahin ging,
Erhob sich plötzlich ein pechschwarzes Unwetter mit Nordsturm,
Frost und Schnee.
Er konnte nicht einen Schritt weit vor sich sehen und verirrte sich.
Da dachte er sich,
Dass er wohl bald die Kuh gehen lassen und noch froh sein müsse,
Wenn er selbst mit heiler Haut davonkomme.
Während er in seinem Jammer umherirrte und schon an den Tod dachte,
Begegnete er einem Manne,
Der einen großen Sack auf dem Rücken hatte.
Was machst du denn mit deiner Kuh hier draußen bei diesem Wetter,
Fragte der Mann.
Der Alte erzählte ihm alles,
Wie es sich zugetragen hatte.
Es ist besser,
Lieber Mann,
Du gibst mir deine Kuh für diesen Sack,
Den ich hier auf dem Rücken trage,
Sagte der Mann.
Den kannst du immerhin nach Hause schleppen und darin befinden sich Fleisch und Bein.
Und es geschah so,
Wie der Mann es vorschlug,
Obwohl der Alte nur schwer dazu zu bringen war.
Jener erhielt die Kuh und verschwand alsbald mit derselben.
Der Häusler aber ging keuchend und stöhnend unter der Last des Sackes zu seiner Hütte.
Als der Alte heimkam,
Erzählte er seinem Weibe,
Wie es ihm ergangen war und tat gar wichtig mit dem Sack.
Das Weib aber schlug die Hände über dem Kopf zusammen und zankte ihn aus.
Der Mann bat sie aber,
Lieber einen Topf mit heißem Wasser ans Feuer zu stellen.
Dann nahm sie den größten Topf,
Den sie fand,
Und füllte ihn mit Wasser.
Als dasselbe kochte,
Machte sich der Mann daran,
Den Sack aufzubinden.
Aber da war auf einmal Leben in denselben gekommen.
Es rührte und bewegte sich drinnen und als er den Sack geöffnet hatte,
Sprang ein lebendiger Mann aus demselben,
Der vom Scheitel bis zur Zähe grau gekleidet war.
Dieser sagte,
Wenn sie kochen wollten,
Sollten sie doch bitte etwas anderes dazu nehmen als ihn.
Da stand freilich der Alte ganz verdutzt da.
Sein Weib aber schimpfte und sagte,
Daran sei nur seine Dummheit schuld.
Und so zankten Mann und Weib eine gute Weile,
Bis der Graue endlich sagte,
Dieses Gezanke führt zu nichts.
Ich will lieber hinausschauen und sehen,
Ob ich nicht etwas Essbares für euch und für mich auftreiben kann.
Und draußen war er in der Finsternis.
Bevor aber die beiden Alten sich über all dies fassen konnten,
War er auch schon wieder zurück.
Und zwar mit einem alten,
Fetten Schaf.
Nehmt dies und schlachtet es und bereitet uns ein schönes Essen davon,
Sagte der Graue Mann.
Der Alte kratzte sich hinterm Ohr und sah sein Weib an.
Dieses wiederum sah auf ihn.
Und sie wussten beide nicht,
Was sie tun sollten.
Denn sie konnten sicher denken,
Dass das Schaf gestohlen sei.
Endlich aber ließen sie sich doch darauf ein,
Das Verlangen des Grauen zu erfüllen.
Und sie lebten in Freude und Lust,
Solange noch etwas vom Schafe übrig war.
Als dasselbe verzerrt war,
Holte der Graue noch eins.
Und dann ein drittes.
Ein viertes.
Und ein fünftes.
Nun war freilich der Graue Mann ein lieber Gast,
Da er so flink und fleißig war.
Und so lebten jetzt der Alte und sein Weib in Überfluss von Schaffleisch.
Der Schafhirte des Königs bemerkte,
Dass ihm ab und zu ein Schaf aus der Herde abhanden kam.
Er konnte sich nicht denken,
Wie dies zugehe.
Und als ihm schon das fünfte Schaf abgängig war,
Begab er sich zum König und erzählte ihm die Sache.
Es müsse sich ein Dieb in der Nachbarschaft aufhalten,
So meinte er.
Der König begann nun selbst,
Nachforschungen darüber anzustellen,
Ob nicht neue Leute in seine Nachbarschaft gekommen seien.
Und so erfuhr er endlich,
Dass ein Mann gesehen worden sei,
Den niemand kenne und der sich in der Hütte der beiden alten Leute aufhalte.
Er schickte einen Boten in die Hütte mit dem Auftrag,
Der fremde Mann solle sich sogleich in der Halle des Königs einfinden.
Die beiden alten Leute erschraken darüber gar heftig und waren voll Angst und Sorge,
Dass sie nun denjenigen verlieren würden,
Der sie erhalten habe.
Denn es war kein Zweifel mehr,
Dass er als Dieb gehängt werden sollte.
Der Graue aber war sogleich bereit,
Vor dem König zu erscheinen.
Als er in die Halle kam,
Fragte ihn der König,
Ob er es sei,
Der ihm fünf Schafe gestohlen habe.
»Ja,
Herr,
Das habe ich getan«,
Entgegnete der Graue.
»Und warum hast du das getan?
«,
Fragte der König.
»Die beiden alten Leute da unten in der Hütte sind nicht im Stande,
Sich selbst zu ernähren«,
Antwortete der Graue.
»Sie haben nichts zu essen.
Du hingegen hast Überfluss an allem,
König.
Du hast mehr,
Als du brauchst,
Und mehr zu essen,
Als du selbst aufzehren kannst.
Es schien mir deshalb viel billiger,
Dass die beiden Leute dasjenige,
Was sie brauchen,
Von dem bekämen,
Was du nicht brauchst.
« Diese Rede kam dem König ganz sonderbar vor.
Und er fragte den Grauen,
Ob er denn keine andere Kunst gelernt habe,
Als die zu stehlen.
Der andere wusste hierauf keine Antwort.
Der König aber sagte,
»Morgen schicke ich meine Leute in den Wald hinaus,
Mit meinem fünfjährigen Ochsen.
Gelingt es dir,
Diesen zu stehlen,
So soll dir alles verziehen sein.
Gelingt es dir aber nicht,
So lasse ich dich hängen.
« »Das sei ja schier unmöglich«,
Meinte der Graue,
»da der König den Ochsen gewiss gut werde bewachen lassen.
« »Das sei wiederum seine Sache,
Wie er es anzustellen habe«,
Entgegnete der König.
Hierauf begab sich der Graue wieder heim in die Hütte,
Wo er mit Freude empfangen wurde.
Er bat die Leute um einen Strick,
Da er für den nächsten Morgen einen solchen benötige.
Der Alte suchte denn einen alten Strick hervor,
Und dann schliefen sie alle drei die Nacht hindurch.
Beim Morgengrauen stand der Graue auf,
Kleidete sich an,
Nahm den Strick zu sich und verließ die Hütte.
Er ging in den Wald hinaus,
Wo er wusste,
Dass die Leute des Königs mit dem Ochsen vorüberkommen müssten.
Hier kletterte er auf eine große Eiche,
Dicht am Wege.
Er schlang sich den Strick um und hängte sich auf einen Ast.
Bald darauf kamen die Leute des Königs mit dem Ochsen.
Als sie den Grauen auf dem Baume hängen sahen,
Sagten sie,
»Er hat wohl auch noch anderen Schaden zugefügt,
Nicht nur unserem König allein.
Darum haben sie ihn dort aufgehängt.
Jetzt wird er wohl bleiben lassen,
Uns den Ochsen wegzuhaschen,
Der Teufelskerl«,
Und darauf gingen sie ruhig weiter und dachten an nichts.
Als die Leute wieder verschwunden waren,
Stieg der Graue von der Eiche herab.
Er schlug einen verborgenen und kürzeren Waldweg ein und kam so vor den Leuten des Königs an,
Kletterte auf eine neue Eiche,
Dicht am Wege,
Schlang den Strick um sich und hängte sich so dann wieder auf einen Ast.
Als des Königs Leute dorthin kamen,
Waren sie ganz verblüfft und wussten nicht,
Ob dies mit rechten Dingen zugehe oder ob Zauberei dabei im Spiele sei.
»Sollte es denn zwei so verfluchte Graue geben?
« fragten sie einander.
»Hört,
Wir gehen zurück zum anderen.
Es muss recht lustig sein,
Dahinter zu kommen,
Ob es zwei verschiedene sind oder ob es ein und dieselbe Person ist,
Die auf beiden Bäumen hängt.
« Sie banden den Ochsen an einen Baum und kehrten um.
Aber sie waren kaum verschwunden,
Als der Graue eiligst vom Baum herabstieg,
Den Ochsen losband und schleunigst mit sich nach der Hütte führte.
Nun mögen die beiden Alten dazusehen,
Dass der Ochse geschlachtet werde,
Meinte er,
Und die Haut sollen sie ihm ganz abziehen und aus dem Talg Lichter gießen.
Man kann sich denken,
Was für eine Lust und Freude da in der Hütte herrschte.
Von den Leuten des Königs ist aber zu erzählen,
Dass,
Als sie zu der ersten Eiche kamen,
Natürlich der Graue nicht mehr dorthin,
Und als sie zur zweiten kamen,
Auch diese leer fanden,
Da ja der Dieb inzwischen verschwunden war.
Ja,
Fort war er,
Und auch der Ochs war vom Baume verschwunden.
Nun erst merkten sie,
Dass der Graue sie zum Besten gehalten habe,
Und es blieb ihnen nichts übrig,
Als heimzugehen und dem König zu erzählen,
Wie die Dinge nun stünden.
Da schickte der König wieder einen Boten zum Grauen Mann mit dem Auftrag,
Dass er kommen solle.
Der Häusler und sein Weib zitterten vor Angst und Schrecken.
Jetzt war keine Gnade mehr zu erwarten für ihren lieben Grauen.
Es war sicher,
Dass er ohne Schonung werde gehängt werden.
Er selbst war aber guten Mutes und trat ohne Furcht vor den König hin.
»Hast du meinen Ochsen gestohlen,
Grauer Mann?
« fragte der König.
»Ich musste es ja tun,
Um mein Leben zu retten,
O König«,
Antwortete der Graue.
Hierauf sagte der König,
»Ich will dir auch dies verzeihen,
Wenn es dir gelingt,
Heute Nacht mir und meiner Königin die Betttücher unter dem Leibe wegzustehen.
« »Das geht über die Kräfte eines Menschen«,
Sagte darauf der Graue.
»Wie soll ich in den Palast kommen und dies tun können?
« »Das ist deine Sache,
Und dein Leben gilt es«,
Entgegnete der König und entließ ihn.
Der Graue kehrte wieder zu den Häuslers Leuten zurück und wurde hier mit solcher Freude aufgenommen,
Als ob er von den Toten auferstanden wäre.
Als es gegen Abend ging,
Nahm der Graue einige Töpfe voll Mehl und bat das Weib,
Dass es einen Brei kochen und denselben recht dick werden lassen solle.
Sie tat nach seinem Willen,
Und als der Brei fertig war,
Gab ihn der Graue in ein Gefäß und bedeckte dasselbe,
Damit er nicht zu schnell kalt werde.
Hierauf schlich er mit dem Gefäß zu dem Königspalaste.
Es gelang ihm,
In denselben hineinzukommen,
Ohne dass er bemerkt wurde,
Und er verbarg sich in einem finsteren Winkel.
Bald darauf wurde der Palast fest zugeschlossen,
Damit es dem Diebe ja nicht gelingen sollte,
Sich in denselben einzuschleichen.
Als aber der Graue vermutete,
Dass im Palast alles zur Ruhe gegangen sei und auch der König und die Königin in festem Schlafe lägen,
Ging er ganz leise in deren Schlafgemach.
Er deckte den König und die Königin an den Füßen bis zur Mitte des Körpers ab und ließ recht vorsichtig den Brei zwischen König und Königin tröpfeln.
Hierauf entfernte er sich rasch aus dem Gemach und begab sich wieder in sein Versteck.
Die Königin erwachte gar bald,
Als sie den warmen Brei fühlte.
Sie weckte den König und sagte ihm,
Was ist das denn?
Du hast ja ins Bett gemacht,
Liebster.
Der König wollte dies nicht zugeben,
Sondern beschuldigte die Königin,
Dass sie es getan habe.
Und so stritten sie eine Weile miteinander.
Schließlich nahmen sie die Betttücher und warfen dieselben samt ihrem Inhalt weit von sich auf den Boden und dann schliefen sie wieder ein.
Der Graue aber schlich herbei,
Nahm die Tücher,
Legte sie zusammen und entfloh damit zu den alten Leuten in die Hütte.
Er übergab ihnen die Tücher und hieß sie,
Dieselben von dem Breiklümpchen zu reinigen und sie für ihre Betten zu benutzen.
Als am nächsten Morgen der König und die Königin erwachten,
Sahen sie,
Dass die Betttücher verschwunden waren.
Da dachte der König,
Dass sie wohl sicher der Graue gestohlen habe und schickte sogleich einen Boten zu demselben.
Nun glaubten die alten Leute,
Dass der Graue diesmal ganz gewiss gehängt werden würde und nahmen von ihm schmerzlichen Abschied.
Er aber ging wieder ganz mutig in den Palast hinauf.
Da fragte ihn der König,
Hast du in der Nacht mir und meiner Königin die Betttücher unterm Leibe weggestohlen?
Ja,
Herr,
Sagte der Graue,
Ich habe es getan,
Denn ich musste ja mein Leben retten.
Da sagte der König,
Ich will dir alles,
Was du bisher getan hast,
Verzeihen,
Wenn du in der heutigen Nacht uns beide,
Mich und meine Königin,
Aus unserem Bette stielst.
Wenn es dir aber nicht gelingt,
So sollst du ohne Gnade gehängt werden.
Das kann niemand,
Sagte der Graue.
Das ist deine Sache,
Entgegnete der König.
Der Graue begab sich wieder heim in die Hütte.
Als es des Abends finster geworden war,
Nahm der Graue einen großen,
Hohen und breitkrempigen Hut.
Er durchbohrte denselben in dichten Reihen und steckte in die Löcher die Lichter,
Welche sie aus dem Talg des Ochsen bereitet hatten.
Auch an seinem Körper befestigte er unzählige Lichter,
Von oben bis unten.
So dann setzte er den Hut auf,
Nahm das Ochsenfell in die Hand,
Aus dem der Graue einen großen Beutel genäht hatte,
Und ging in den königlichen Palast,
Und zwar in die Kirche.
Hier legte er das Ochsenfell vor dem Altar nieder.
Er zündete alle Lichter an,
Ging zu den Glocken und läutete.
Durch das Geläute erwachten König und die Königin.
Sie blickten zum Fenster hinaus,
Um zu sehen,
Was es denn gebe.
Da sahen sie an der Kirchentür eine leuchtende Gestalt stehen,
Welche nach allen Seiten Strahlen aussandte.
Der König und die Königin waren über diesen Anblick ganz verblüfft und meinten,
Dass es ein Engel vom Himmel sei,
Welcher der Erde eine wichtige Botschaft zu verkünden habe.
Einen solchen Gast müsse man gebührend empfangen,
Ihm Ehrfurcht erweisen und um Barmherzigkeit anrufen.
Sie zogen eiligst ihre prächtigsten Kleider an und gingen hinaus zu dem vermeintlichen Engel.
Dann warfen sie sich vor ihm auf die Knie und baten um Gnade und Vergebung der Sünden.
Der Engel aber sagte,
Er werde sie nur drinnen in der Kirche vor dem Altar anhören.
Sie folgten ihm denn auch dahin,
Und der Engel sagte,
Dass er ihnen die Sünden vergeben werde,
Jedoch nur unter einer Bedingung.
Sie fragten ihn,
Welche Bedingung dies sei.
Keine andere als die,
Dass sie beide in das Ochsenfell kröchen,
Das beim Altar liegt.
Nichts anderes als das,
Rief der König,
Das ist ja bald getan,
Und der kroch sogleich mitsamt der Königin in das Ochsenfell.
Aber sie waren kaum in dem Ochsenfellbeutel,
Als der Engel denselben an der Öffnung zusammenfasste und zuband.
Der König schrie nun freilich,
Was dies denn zu bedeuten habe.
Der Engel aber schüttelte alle Lichter ab,
Schleifte den Beutel mit rasender Schnelligkeit durch die Kirche und sagte,
Ich bin kein Engel,
Sondern dein guter Bekannter,
Der Graue von der Hütte da unten.
Siehst du,
Ich habe dich samt deiner Königin aus dem Bette gestohlen,
Und nun sollst du auch Vergebung der Sünden erhalten,
Das kannst du mir glauben.
Ich bringe euch beide ums Leben,
Wenn du mir nicht versprichst,
Die Bitte zu erfüllen,
Die ich an dich richten werde,
Und mir dies beschwörst,
Bevor ich euch aus dem Beutel herauslasse.
Was konnte der König da tun?
Er musste alles versprechen und beschwören,
Was der Graue wollte.
Dieser ließ sie hierauf los und verlangte nichts anderes als das Königstochter und die Hälfte des Reiches sowie die Erlaubnis,
Den armen alten Häusler samt seinem Weibe zu sich nehmen zu dürfen.
Der König musste seine Einwilligung geben,
Denn er hatte es ja beschworen.
Der Graue ging so dann hinab zu den alten Leuten und man kann sich denken,
Dass es sich jetzt etwas mehr in die Brust warf als sonst.
Nun müssten die Alten sich ein wenig herausputzen und die Festtagskleider anlegen,
Sagte er,
Denn jetzt müssten sie eine andere Wohnung beziehen.
Der Alte und sein Weib machten große Augen bei dieser Rede,
Und man kann sich vorstellen,
Wie ihre Verwunderung wuchs,
Als der Graue alles erzählte.
Und hierauf nahm er sie mit in den Königspalast,
Wo es einen prächtigen Empfang gab.
Er heiratete die Prinzessin und bekam das halbe Reich als Mitgift.
Beim Hochzeitsmale aber erzählte er ihnen zur Unterhaltung,
Dass er ein Sohn des benachbarten Königs sei.
Er habe gehört,
Was der arme Mann vorhatte,
Und so dann mit dem Priester des Königs vereinbart,
Die Worte desselben,
Auf welche der Alte alles gebaut hatte,
In Erfüllung gehen zu lassen.
Jetzt könne der Alte wohl auch zufrieden sein,
Meinte er,
Da er ja nun seine Kuh tausendfach bezahlt bekommen habe.
Der Graue lebte glücklich mit seiner Königin.
Nach dem Tode des Schwiegervaters erbte er das ganze Reich und regierte es mit Klugheit und Verstand.
Der Alte Mann aber und sein Weib blieben ein Leben lang bei ihnen und lebten in Freude und Herrlichkeit.
Und wenn sie nicht gestorben sind,
So leben sie auch heute noch.
Und dir wünsche ich eine gute Nacht und schöne Träume.
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